Der mit dem Ton tanzt

Beitrag im Magazin Art Aurea 2020

Rheinsberg in Brandenburg.

Die Stadt,das Schloss und die Seen­landschaft sind beliebte Touristenziele. Als der Alte Fritz noch junger Kronprinz war, verlebte er hier seine glücklichsten Jahre. Kurt Tucholsky hat der Idylle mit Schloss in seiner Erzählung Rheins­berg: Ein Bilderbuch für Verliebte ein Denkmal gesetzt. Theodor Fontane machte bei seinen Wanderungen durch die Mark Bran­denburg hier Station. Wie hält es Karl Fulle mit Fontane? „in der Schule haben wir ,Effi Briest‘ gelesen. Ich musste einen Aufsatz über Roswitha schreiben. Effis Kindermädchen stammt wie ich aus dem Eichsfeld, sie war also eine ,Kattolsche‘. Ich glaube der Lehrer wollte mich damit aus der Reserve locken.“
Der Liebe zu Rheinsberg und der Fontanestadt Neuruppin, wo Karl Fulle zusammen mit den Kommilitoninnen Sigrid Artes und Ursula Zänker in einem ehemaligen Fleischerladen seine erste Werkstatt gründet, tut diese Geschichte keinen Abbruch. Mit klei­nen Ausflügen für Lehraufträge und einer Gastprofessur an der Kunsthochschule in Halle lebt und arbeitet Karl Fulle seit mehr als vierzig Jahren im Brandenburgischen, seit 1993 in Rheinsberg. Sein Haus mit dem schönen alten Wintergarten und einem neueren Atelieranbau steht fußläufig zum Schloss mitten im Grünen. Der große Brennofen hat seinen Platz in der ehemaligen Garage. Über­all stehen Plastiken. „Eigentlich arbeite ich für meinen Garten“, sagt er lachend, „es muss sich draußen bewähren“.
Geboren wird Karl Fulle 1950 im thüringischen Ort Steinbach.
Musikalisch begabt besucht er die Spezialschule für Musik an der Hochschule Franz Liszt in Weimar. Eine Klassenfahrt führt ihn zur ehemaligen Bauhaus-Töpferei in Dornburg. Die leitete zwischen192o und 1925 Gerhard Marcks. Der Bildhauer zeigte seinen Schü­lern einen schönen, aus dem 18. Jahrhundert stammenden Wester­wälder Steinzeugkrug: kräftiger Hals, straffe Schulter, kugeliger Bauch. Und Marcks stellte die keineswegs rhetorisch gemeinte Frage, ob man nicht den Bauch eines Gefäßes zum Atmen bringen könne ebenso gut wie den Leib einer Figur. Dass diese Idee einmal etwas mit der künstlerischen Arbeit von Karl Fulle zu tun haben würde, hat dieser damals nicht ahnen können. Ihn fasziniert das Handwerk des Töpfers – so sehr, dass er den Wunsch aufgibt, Be­rufsmusiker zu werden. Musik und Töpfern, sagt Fulle heute, ha­ben beide etwas mit Ton zu tun: „Auch wenn der Ton beim Töpfern ein anderer ist, einen Klang hat er ebenfalls.“
Wie „Schöner Wohnen“ geht, erfährt man in der DDR aus dem Magazin Kultur im Heim. Dort gibt es einen Artikel über die Kunst­hochschule in Halle. Karl Fulle bewirbt sich an der Burg Giebichen­stein für ein Keramikstudium. Seine Lehrerin ist Gertraud Möhwald. Das ist sein Glück. Wie anderen jungen Keramikern sei­ner Generation öffnet sie auch Karl Fulle den Weg zu selbstständi­ger künstlerischer Arbeit. Sie verlangt Disziplin und ermutigt zu Freiheit im Denken und künstlerischen Handeln. Mit ihren eigenen Arbeiten und als einfühlsame Lehrerin erkennt und stärkt Gertraud Möhwald die Begabung ihres Schülers für Proportionen und Rhythmik.
Das Schlüsselwort für die Arbeiten von Karl Fulle lautet Leben­digkeit. Der anthropomorphe Charakter seiner Skulpturen ent­steht durch Aufreißen der auf der Töpferscheibe gedrehten For­men. Bewegung und Gegenbewegung – ganz wie beim Kontrapunkt in der Musik. Mit oft starkfarbigen Glasuren unterstreicht Karl Fulle die Anmutung von etwas Kreatürlichem. Glasuren zu gie­ßen, zu spritzen, mit ihnen zu malen, ist – mit Karl Fulles Worten ausgedrückt – ein Akt der Wiederbelebung. Es gilt, den unter sei­nen Händen gewachsenen und nach dem ersten Brand erstarrten Formen ihre Lebendigkeit zurückzugeben. Karl Fulles Keramiken sind artifizielle Kommentare zu in der Natur gesehenen Formen: Wogen, Wellen, Muscheln, Blüten und Blätter oder alles zusammen. Sie halten den vergänglichen Moment des Werdens und Wachsens fest und setzen ansonsten auf die Assoziationskraft un­serer Fantasie.
Selbst bei seinen Kaffeekannen ist das so. Es sind kokett die Hüften schwingende, sich um sich selbst drehende, heiter anmutende, elegante Geschöpfe: auf drei Beinen tanzend, mit reichlich Bauchspeck, lustigem Ringelgriff und rüsselartiger Tülle, gekrönt von einer feschen Baskenmütze. Der Subjektcharakter dieser durchaus brauchbaren Gefäße wird besonders deutlich, wenn sie – so beschreibt es Karl Fulle im Katalog seiner Personalausstellung im Keramion in Frechen – zu zweit oder zu dritt auftretend, ein ,,Verhältnis“ eingehen. Oder wenn die Kanne im Verein mit zuge­hörigen Tassen eine Familie bildet.
Vom Figurativen zum Figürlichen ist es nur scheinbar ein klei­ner Schritt. Doch die Darstellung einer menschlichen Figur wirft unweigerlich existenzielle Fragen auf. Bei diesem Thema sind wir alle Experten. Das ist Karl Fulle durchaus bewusst. Er bleibt auch hier seinem Handwerk treu. Für ihn trifft zu, was Gertraud Möhwald über ihre Art zu arbeiten sagte: „Ton ist für mich nicht Mittel zu einem anderen Zweck – wie ihn die Plastiker einsetzen-, sondern unersetzbares Mittel und Ergebnis zugleich.“ Zum Thema Figur gibt es bei Fulle zwei unterschiedliche Werkgruppen: die Reihe der den menschlichen Körper vage andeutenden kleinforma­tigen, vollplastischen Tänzer-Skulpturen, die aus nichts als zum Bild erstarrter Bewegung bestehen, und die hohl gebauten männ­lichen Torsi – lebensgroß, anatomisch genau, barock bewegt, mit „antikem“ Penis oder kunstvoll drapiertem Stoffteil.
Was treibt uns Menschen dazu, durch Abbildung immer neu unser selbst zu versichern? „Weil wir wissen“, sagt Karl Fulle,“dass alles vergänglich ist, weil wir es irgendwie festhalten wollen. Vielleicht, weil wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass da noch etwas ist.“ Und nach kurzer Pause: „Und bei mir hat das natürlich was mit der Erotik zu tun. Zumindest die Torsi.“ Spätestens jetzt ist es an der Zeit, über gesellschaftliche Zwänge, ästhetischen Genuss und „Schönheit bis es wehtut“ zu sprechen. Karl Fulle sagt: „Mein Lu­xus ist, dass ich von meiner Arbeit leben kann – ohne mich verstellen zu müssen, ohne nach dem aktuellen Kunstmarkt zu schielen.“

Text: Renate Luckner-Bien
Photos: Nikolaus Brade

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